Critical was? Ein Erklärungsversuch

“Entschuldige?”
Erst beim zweiten Mal nimmt die junge Frau ihre Hand vom Lenker, um den Kopfhörer abzuziehen und blickt fragend zur Seite. Sie fährt ein Mountain Bike. Sie bewegt sich sicher durch den an ihr vorbei strömenden Verkehr.
“Kennst du die Critical Mass?”
Dem fragenden Blick schließt sich ein “Nein.” an, als die vom Lenker gelöste Hand nach dem Aufkleber greift. “Bike for your Right” steht unter der geballten Faust, die in Fahrradreifen mündet.
Der Blick der jungen Frau wechselt von fragend zu interessiert. Und noch bevor die Ampel wieder auf grün springt, beginnt der Versuch einer Eklärung.

Critical mass (engl., dt. kritische Masse) ist eine international verwendete Form der direkten Aktion, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer (hauptsächlich Radfahrer) scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Fahrten durch Innenstädte, ihrer bloßen Menge und dem konzentrierten Auftreten von Fahrrädern auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen und “… mit dem Druck der Straße mehr Rechte für Radfahrer und vor allem eine bessere Infrastruktur und mehr Platz einzufordern.”

Diese sachliche Definition findet sich auf Wikipedia. Inhaltlich zwar richtig, beschreibt sie jedoch nicht, was die “Critical Mass” ist. Der Grund hierfür liegt vielleicht darin, dass die “Critical Mass” so bunt ist wie ihre Teilnehmer; es mehr als nur eine Wahrheit gibt.
Was Anfang der 90er Jahre in San Francisco begann, hat sich inzwischen seinen Weg quer über den Globus gebahnt. Meist, aber nicht ausschließlich, kommen am letzten Freitag im Monat Fahrradfahrer zusammen, um gemeinsam durch die Straßen zu fahren.
Die Gründe, aus denen sie das tun, sind vielfältig:
Der eine möchte als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer wahrgenommen werden. Der nächste freut sich schlicht an den oftmals außergewöhnlichen Rädern oder Kostümierungen der Mitfahrer. Der dritte hat ein Bedürfnis nach besser ausgebauten Radwegen. Der vierte möchte einfach nur Freunde treffen. Dem fünften gefällt die Stärke der Masse. Der sechste ist zufällig in den Pulk geraten und fährt aus Neugier ein Stück mit; vielleicht kommt er im nächsten Monat wieder. Der siebte achtet auf seine Öko- oder CO2-Bilanz. Der achte fährt einfach gerne Fahrrad, auch an einem letzten Freitag im Monat. Dem neunten geht es um Spaß. Für den zehnten ist es ein bisschen von allem. Der elfte denkt an die Rückeroberung des öffentlichen Raumes.

Das Entscheidende an dem Konzept “Critical Mass” jedoch ist, dass dieser kreative Straßenprotest, den die Medien allzu gerne mit einer Demonstration verwechseln, ohne Organisatoren oder Veranstalter auskommt. Die mitfahrenden Menschen sind ein Teil des Ganzen und übernehmen doch individuell Verantwortung, beispielsweise indem sie einzelne Kreuzungen corken oder einfacher gesagt sichern, so dass die Masse ungefährdet passieren kann.
Seit einigen Monaten erlebt die “Critical Mass” zumindest in Deutschland erhöhte mediale Aufmerksamkeit. Der Grund hierfür liegt vielleicht darin, dass Fahrrad und Radverkehr stärker in den Fokus der Allgemeinheit drängen oder vielleicht daran, dass die “Critical Mass” inzwischen nicht mehr nur in Großstädten fährt, sondern sich auch in Klein- und Kleinststädten ein Stück Straße zurück zu erobern versucht.
Bekanntermaßen ist Deutschland ein Autofahrer-Land, in dem der Wahlspruch “Freie Fahrt für freie Bürger” uneingeschränkte Geltung zu haben scheint. Daher überrascht es nicht, dass sich mancher Autofaher mit dem Verständnis für diese vermeintlich neue Bewegung schwer tut. Sie fühlen sich nicht selten eingeschränkt und behindert, als wäre es nicht schon ausreichend, dass die Radfahrer im täglichen Straßenverkehr mehr Raum einnähmen.
Und mancher Autor übernimmt dieses Stimmungsbild in seinem Versuch, die “Critical Mass” zu erklären; verwendet Begriffe wie “Reizfaktor” oder Formulierungen in der Art “Die Radfahrer legen den Verkehr lahm”.
Die “Critical Mass” ist überschrieben mit dem Ausruf “We are not blocking traffic. We are traffic.” (“Wir blockieren nicht den Verkehr. Wir sind der Verkehr”). Das ist möglicherweise der Faden, der all ihre Teilnehmer, überall auf der Welt, umspannt; ihr kleinster gemeinsamer Nenner.
Darüber hinaus aber ist die “Critical Mass” ihre Teilnehmer und was sie für sich selbst daraus machen. Es gibt kein richtig oder falsch in Bezug auf die Frage, was die “Critical Mass” für den Einzelnen ist. Es gibt keine allgemein, keine absolut gültige Antwort, keinen Anspruch auf die eine Wahrheit.
Die “Critical Mass” ist eine bewegte Masse aus Individualisten, die nicht alle das gleiche wollen, nicht die gleichen Ansichten haben. Sie ist Bewegung, die Aufmerksamkeit generiert. Im Idealfall und der persönlichen Wunschvorstellung entsprechend für die Bedürfnisse anderer Verkehrsteilnehmer und vielleicht sogar für das Erfordernis der gegenseitigen Rücksichtnahme, auch im Straßenverkehr.
Die “Critical Mass” zu erklären funktioniert nicht, ohne wenigstens ein bisschen persönlich zu werden. Von außen betrachtet ist sie ein intillegenter Schwarm, der sich durch den Verkehr bewegt. Um zu begreifen, was sie ist, wird man auf das eigene oder geliehene Fahrrad steigen müssen, um sie ein Stück zu begleiten.

Die junge Frau steckt den Aufkleber ein und greift mit den Händen fest um den Lenker ihres Mountain Bikes.
“Ich denke, ich schau mir das mal an.” sagt sie im Wegfahren.

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5 Gedanken zu „Critical was? Ein Erklärungsversuch“

  1. Schöner Artikel, der es ganz gut schafft Critical Mass in Worte zu fassen.

    Ich fahre gerne mit. Und ich freue mich auch, dass die CM in den letzten Monaten immer mehr mediale Aufmerksamkeit genießt. Nicht zuletzt auch in kleineren Städten.
    Dennoch gibt es einen Punkt, den du hier aufgeführt hast, der mir in letzter Zeit (zumindest in Berlin) zu kurz kommt:
    >> Im Idealfall und der persönlichen Wunschvorstellung entsprechend für die Bedürfnisse anderer Verkehrsteilnehmer und vielleicht sogar für das Erfordernis der gegenseitigen Rücksichtnahme, auch im Straßenverkehr.<<
    Genau das ist für mich der Kern der CM. Und diese gegenseitige Rücksichtnahme heißt für mich auch Verkehrsregeln einhalten. Von Autofahrern, Fußgängern und Fahrradfahrern. Klar, jeder hat hier seine eigene Definition. Aber es ärgert mich, wenn ich nach nur drei Minuten nach der CM Radler sehe, die wie irre bei Rot über die Ampel heizen oder übern Zebrastreifen brettern und nicht einen Blick auf die Oma verlieren, die den gerade passieren wollte. Es ärgert mich – als Fahrradfahrerin – so oft, dass wir von den Autofahrern Rücksicht fordern, aber selbst keine gewähren.

    Aber wie du geschrieben hast, jeder ist aus einem anderen Grund da. Dennoch würde ich mich freuen, wenn es das Bewusstsein von einigen Radlern erhöhen würde, nicht nur an sich, sondern auch an alle Verkehrsteilnehmer zu denken. Und das heißt auch, verärgerst du einen Autofahrer, ist der beim nächsten Mal pissig auf mich, weil du ihm vielleicht die Vorfahrt genommen hast und nimmt sie dann mir. Und vielleicht bin ich nicht so schnell im Ausweichen wie du, und werde dann angefahren.
    Ist jetzt vielleicht ein ausgefalleneres Beispiel. Aber: What goes around, comes back around. Und für Autofahrer sind dann alle Fahrradfahrer gleich. Für Fußgänger wahrscheinlich auch.

    Nichtsdestotrotz: Ich finde das Ereignis Critical Mass super. Wir sind alle Teil des Straßenverkehrs und das sollten auch alle begreifen – dazu gehören nun mal Regeln und gegenseitige Rücksichtsnahme.

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